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NEW Work - Bergmann

Geschrieben von Lucas Neher am 21. Juni 2018

Neue Arbeit – eine radikale Idee?

Seit einiger Zeit verschiebt sich etwas in unserer Arbeitswelt. Arbeitsplätze werden auf Rollen gesetzt, home office Tage eingeführt, starre Hierarchien in Unternehmen verflacht oder ganz abgeschafft, Unternehmensstrukturen aufgebrochen. Diese Phänomene werden mit unterschiedlichen buzzwords  versehen. Ein sehr verbreitetes hierfür ist das der „Neuen Arbeit“, das auch wir öfters benutzen. Dabei ist erstaunlich wie viele unterschiedliche Bedeutungen dieser Begriff annehmen kann so dass man ganz leicht aneinander vorbei redet. Deshalb gehen wir hier diesem Begriff auf den Grund.

 

Die Praxis – das Zentrum für Neue Arbeit

Der Begriff New Work (oder Neue Arbeit) geht auf den amerikanischen Philosophen deutscher Herkunft Frithjof Bergmann zurück. In den frühen 1980er rollte eine große Entlassungswelle über den amerikanischen Automobilsektor. Durch zunehmende Automatisierung fielen viele einfache Jobs am Fließband weg. Das veranlasste Bergmann der seit 1978 einen Lehrstuhl für Philosophie an der University of Michigan in Ann Arbor innehatte und zum Lohnarbeitssystem forschte, zusammen mit General Motors ein Zentrum für Neue Arbeit zu gründen. Die zwei Hauptaufgaben des Zentrums waren deshalb GM-FließbandarbeiterInnen die von der Entlassungwelle betroffen waren darin zu unterstützen:

  • Mit Klarheit und Deutlichkeit herauszufinden welche Arbeit sie wirklich, wirklich tun wollen
  • diese Arbeit die sie wirklich, wirklich wollen auch zu tun

 

Die Theorie dahinter

Dabei stützte sich die praktische Arbeit des Zentrums auf einige grundlegende Überlegungen Bergmanns die über die Zeit noch konkretisiert wurden.

  • Das Lohnarbeitssystem in dem wir leben und arbeiten ist ein junges Phänomen dass sich zusammen mit der Industrialisierung verbreitete, nicht älter als 200 Jahre
  • Menschen arbeiteten auch schon vor dem Siegeszug des Lohnarbeitssystem
  • Heute empfinden viele Menschen ihre Arbeit als milde Krankheit, ähnlich einer Erkältung, nicht angenehm aber auch nicht zu schlimm, aushaltbar von Montag bis Freitag, Jahr für Jahr, bis man dann endlich in Rente geht
  • Lohnarbeit schwächt den Menschen, lähmt seine Kreativität
  • Viele Menschen leiden an einer Armut der Begierde, wobei eine Verarmung von Kreativität und Lebendigkeit, Antriebslosigkeit, Lethargie, Sattheit gemeint ist
  • Arbeit ist nicht immer edel und Arbeit kann töten – man denke an Bergarbeiter, Soldaten, Polizisten, etc. – Arbeit kann aber auch leben spenden, Energien freisetzen und zu einem erfüllenden Leben verhelfen. Diese Gegensätzlichkeit bezeichnet Bergmann als Polarität der Arbeit

 

Aus diesen Überlegungen folgert Bergmann dass das derzeitige Lohnarbeitssystem mit all seinen negativen Ausformungen überholt ist und durch ein neues System – Neue Arbeit abgelöst gehört.

 

Was also ist Neue Arbeit?

In einer zukünftigen Welt in der die Neue Arbeit das bestehende Lohnarbeitssystem abgelöst hat sind drei Merkmale für Bergmann von fundamentaler Bedeutung.

  1. Alle Menschen tun die Arbeit, die sie wirklich, wirklich wollen; somit gibt diese Arbeit Leben, Vitalität und Freude
  2. High-tech-self-providing (High-tech Eigenproduktion): Durch high-tech Maschinen werden Menschen in kleinen Gemeinschaften selbst in der Lage sein resourcenschonend und mit wenig Arbeitsaufwand Dinge herzustellen die sie zu einem angenehmen Leben benötigen.
  3. Neue Produkte herstellen die im Geist der Neuen Arbeit entwickelt und hergestellt werden um mit diesen Geld zu verdienen

 

 

Neue Arbeit, Neue Wirtschaft, Neue Kultur

Letztlich zielt die Neue Arbeit auf eine Neue Wirtschaft und eine Neue Kultur mit radikal neuen Institutionen (Kindergärten, Schulen, neuer Architektur), einer neuen Politik, neuen menschlichen Beziehungen, weniger Armut und mehr Freude. 

 Verantwortungsübernahme in der Führung DOWNLOAD Instant-Modell "Ethische Führung"

Bergmann untermauert diese sozial-utopistischen Gedanken mit dem Hinweis auf die zu erwartenden gewaltigen gesellschaftlichen Erschütterungen und Verschiebungen unseres heutigen Lohnarbeitssystems durch eine sich immer weiter beschleunigende Digitalisierung. Anders als noch in den 1970er und 80er werden auch viele high-skill Jobs von Maschinen übernommen werden. Dabei sieht Bergmann den technologischen Fortschritt nicht als zu fürchtendes Ungeheuer, sondern - im Gegenteil - er begrüßt ihn als Instrument zur Befreiung des Menschen aus der Lohnarbeit. Damit sind die zu erwartenden Veränderungen von solch tiefgreifendem Ausmaß, dass wir von einem Epochenwandel sprechen müssten. Durch die Gründung von Zentren für Neue Arbeit weltweit möchte Bergmann mithelfen das jetzige Lohnarbeitssystem abzulösen – ganz praktisch und bottom-up.

 

Bergmann ist Philosoph und Utopist, daran besteht kein Zweifel, wenn man sich näher mit seinen Gedanken und Konzept auseinander setzt. Erstaunlich ist, dass obwohl seine Ideen teils sehr radikal und durchaus kritisierbar sind, Teile seines Werks eine enorme Reichweite entwickelt haben und gar Eingang in den Mainstream gefunden haben.  

 New Work als Spiel?!

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Dabei ist aus unserer Sicht gerade spannend wie das hehre Ziel, Menschen die Arbeit tun zu lassen die diese wirklich, wirklich wollen operationalisierbar ist. Wie kann diese Umsetzung ganz praktisch und heute gelingen? Wir sind uns sicher, nicht nur ArbeitnehmerInnen sollen unterstützt werden herauszufinden was sie wirklich, wirklich wollen. Auch Unternehmen, Abteilungen und Teams können Arbeitsumgebungen schaffen die Potentiale freisetzen, Kreativität fördern und Energien entfesseln.

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Quellen und weiterführende Informationen

  • Eine kurze Einführung in die Ideenwelt Frithjof Bergmanns ist dieses Interview mit Harald Gründl im Rahmen einer Ausstellung am Wiener MAK
  • Weitaus länger aber durchaus sehenswert ist dieses Gespräch mit Frithjof Bergmann bei der XING New Work Experience 2017 die mit standing-ovations endete.
  • Eine kurze schriftliche Zusammenfassung der Bergmannschen Neuen Arbeit findet sich hier.
  • Eine sehr aufwendige gestaltete Website besitzt das Zentrum für Neue Arbeit Neue Kultur, allerdings muss Flash aktiviert sein.

Kategorien: neue Arbeit, Management, Veränderung