Improwe Blog

Neue Arbeit im Kindergarten?

Geschrieben von Lucas Neher am 19. Juli 2018

Neue Arbeit im Kindergarten?

Im letzten Teil habe ich mich näher mit der aktuelle Kindergarten-Krise befasst. Dabei ist mir aufgefallen dass viele der problematischen Faktoren in das Schema der Alten Arbeit passen. Stehen die Krisenfaktoren nicht archetypisch für die Unzulänglichkeiten der Alten Arbeit, für deren Scheitern? Oder andersherum: Ist der Kindergarten in der Krise weil er so in der Alten Arbeit verankert ist? Wenn das stimmt, welche Wege, welche Lösungen können den Kindergarten zur Neuen Arbeit führen?

Zum letzten Artikel: Kindergarten in der Krise

 

Wer hat Angst vor Digitalisierung?

Werfen wir zum Einstieg einen kurzen Blick in die Glaskugel. Digitalisierung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz sind alles Buzzwords die seit einigen Jahren unsere öffentliche Debatte mehr und mehr bestimmen. Es fällt mir schwer, die immer lauter werdenden Rufe, eine rasante Digitalisierung werde viele bisher gut bezahlte Arbeitsplätze von Akademiker*innen und Geistesarbeiter*innen kosten, auf den Arbeitsplatz Kindergarten zu übertragen. Warum? Der Digitalisierung zum Trotz sind wir soziale Lebewesen die auf authentische und unmittelbare menschliche Interaktion, Bindung, Zuwendung und Geborgenheit angewiesen sind. Nicht nur, aber gerade im Baby-und Kindesalter. Kein Algorithmus kann den Part einer Bezugsperson in der komplexen sozialen Beziehung Kind–Bezugsperson ersetzen.

Daraus folgere ich:

  • Menschen werden auch in Zukunft für die Erziehung und Bildung von Kindern unersetzbar sein. 

Ob diese Funktionen - bleiben wir bei Erziehung und Bildung - auch zukünftig in (staatlichen?) Institutionen stattfinden wird ist wahrscheinlich.

Also lehne ich mich aus dem Fenster und behaupte: 

  • Der Kindergarten wird auch in absehbarer Zukunft ein Ort der Bildung, des gemeinschaftlichen Wachsens, der Sozialisation sein. 

Ganz generell gehe ich davon aus, dass trotz weiterer Digitalisierung und Automatisierung unsere westlichen Gesellschaften sich weiter ausdifferenzieren und die Komplexität und Spezialisierung zunimmt. Dass wir zu einer vorindustriellen häuslichen Erziehung  zurückkehren sehe ich nicht. 

  • Bildung und Erziehung wird auch zukünftig ein Job für Expert*innen sein. 
  • Bildungsexpert*innen, nennen wir sie ruhig Erzieher*innen, werden auch in Zukunft in Kindergärten arbeiten. 

Ändern werden sich über die kommenden Jahre sicherlich die Inhalte, die Bildungsziele, die Pädagogik, vielleicht auch die Finanzierung. Zusammengefasst ist nicht zu erwarten dass Kindergärten, und damit direkt verbunden der Beruf der Erzieher*in, durch die Digitalisierungswelle hinweggeschwemmt werden wird. Angesichts der aktuellen Kindergartenkrise und dem zukünftigen Bedarf an Kindergärten und Erzieher*innen sind mutige Weichenstellung notwendig.

 cel-lisboa-73969-unsplash

Kindergarten = Alte Arbeit?

Wenn die Zukunftsaussichten für den Erzieher*innen-Beruf sehr stabil erscheinen, wie können wir dann die aktuelle Kindergartenkrise meistern? Ziehen wir nun die Neu-Arbeit-Brille an, dann erscheint der Arbeitsplatz Kindergarten wie ein Prototyp der Alten Arbeit. 

  • Er ist hierarchisch organisiert. Eine Kindergartenleitung steht an der Spitze einer Einrichtung, jede Gruppe wird wiederum von einer Gruppenleitung geführt. Zudem gibt es scharfe Trennlinien zwischen den Qualifikationsebenen ErzieherIn und KinderpflegerIn (PraktikantIn). 
  • An Flexible Arbeitszeiten, Gleitzeit, Homeoffice ist aus nachvollziehbaren Gründen bisher nicht zu denken (Stichworte Kindeswohl, Aufsichtspflicht, Verlässlichkeit). 
  • Die Bezahlung erfolgt im starren Tarifsystem oder ist an diesen angelehnt. Formale Qualifikation und Berufserfahrung  entscheiden über den Verdienst. Ein Quereinstieg ist nur unter Auflagen möglich.
  • Flexibilität beim Gehalt oder Bonuszahlungen für gute Arbeit sind somit nicht möglich. 
  • Es wird die Arbeitszeit entlohnt, nicht die Qualität.
  • Die Entwicklung der letzten Jahre (analog zu jener in Schulen und in der Altenpflege) geht hin zu immer mehr Prozessorientierung und die Einführung von formelhaften Qualitätsmanagementabläufen und Bildungsbenchmarks. 
  • Gesetze, Verordnungen, Vorschriften, Bildungspläne, (Industrie)Normen zielen auf einheitliche und vergleichbare Mindeststandarts, auf Unfallvermeidung, Arbeitsschutz, Hygieneschutz, Krankheitsschutz, Brandschutz, Lebensmittelsicherheit und schränken den Handlungsspielraum der Erzieher*innen mehr und mehr ein. Das führt zu immer weniger erzieherischer Freiheit.
  • Partizipation und Mitentscheidung ist zwar auf Kindergartenebene auch Dank kleiner Teamgrößen nicht ungewöhnlich. Das sieht auf den nächsten Ebenen – Kommune, Regierungspräsidium, Landesministerium – schon ganz anders aus. Dabei spielen diese Ebenen für die tägliche Kindergartenarbeit eine zentrale Rolle: dort wird über die finanzielle Ausstattung, die Personalzuteilung, die Beförderung, die Leitungspostenbesetzung, das pädagogische Profil, die Rahmenlehrpläne, die Bildungsbenchmarks, die Qualifikationen, die Ausbildungsinhalte, den Tarifvertrag, etc. entschieden. Hier kann von Mitbestimmung, von Teilhabe an strategischen Entscheidungen im Sinne von Neuer Arbeit keine Rede sein.

kelly-sikkema-266805-unsplash 

 

Möglichkeiten der Neuen Arbeit im Kindergarten

Nun, dieser Teil des Artikels ist offen für Ideen und Einfälle, gerne aus der Kindergartenpraxis und -verwaltung. Was folgt, basiert wie bisher, auf meinen eigenen Erfahrungen als Vater. Fangen wir mit einer radikalen Idee an: 

  1. Hierarchien abschaffen: Alle Erzieher*innen und Kinderpfleger*inne einer Einrichtung wählen ihre Einrichtungsleitung direkt. Externe Bewerber*innen müssen sich vor dem Team vorstellen. Die Leitungsstelle kann zudem auch befristet sein (z.B. 3 Jahre), danach wird neu gewählt. Damit würde die Einrichtungsleitung zum Primus inter Pares, Erste*r unter Gleichen. Geht nicht? Doch, so werden Professuren besetzt und Dekane bestimmt. 
  2. Gruppenleitungen abschaffen: Da sich die halb-offenen und offenen Kindergartenkonzepte durchzusetzen scheinen, sind Gruppenleitungen überflüssig geworden. Selbst in Kigas wo noch in geschlossenen Gruppen gearbeitet wird braucht es keine Gruppenleitung mehr. Wie wäre die Organisation nach Funktion und Fachbereichen (Sprache, Rechnen, Gemeinschaftserlebnis, Naturerfahrung)? Verantwortung wird unter allen Beschäftigten geteilt.
  3. Demokratische Teilhabe und Mitbestimmung: Alle Erzieher*innen einer Einrichtung die von kommunalen Entscheidungen abhängig sind (das sind auch die meisten freien Träger die durch Co-Finanzierungs-Modelle von Kommunen abhängig sind) werden in sie-betreffende Entscheidungen einbezogen. Gerade solche der kommunalen Politik und Verwaltung.
  4. Flexibleres Lohnsystem: Gute Arbeit sollte auch durch das Gehalt eine Wertschätzung finden. Ein Quereinstieg und –aufstieg muss viel unbürokratischer und einfacher zu machen sein. Flexible Training-on-the-job Angebote sorgen für die Notwendige Qualifizierung.
  5. Reduzierung auf das Wesentliche: Bildung, Erziehung und Betreuung mit Fokus auf die Bedürfnisse und Einzigartigkeiten eines jeden Kindes müssen absolut im Vordergrund stehen. Jegliche Zeitfresser und bürokratische Anforderungen die nicht direkt diesem Ziel dienen müssen beendet werden
  6. Zeit für Vorbereitung & Nachbereitung: Gute pädagogische Arbeit ist nur möglich bei ausreichender, vergüteter Vorbereitungszeit. Hinzu kommen Teamsitzungen, Fachbereichstreffen, Konzeptionstage. Der offene Austausch, gemeinsame Planung und Erarbeitung muss viel mehr Teil der Arbeit werden.
  7. Supervision und Teilnahme an Fortbildungen fördern: Durch diese Maßnahmen steigt die Qualität, Resilienzen werden gestärkt, Krankheitstage verringert und der Teamgedanke ausgebaut.
  8. Qualität vor Quantität: Ein heikler Punkt für viele Eltern und Arbeitgeber – lieber viele Betreuungsplätze mit kürzeren Betreuungszeiten bei guter Qualität, als Betreuungsplätze mit langen Betreuungszeiten und unzureichender Qualität.   
  9. Pragmatismus vor Normierungswahn: Leben ist auch Abenteuer, ist Gefahr, ist Risiko – und das wachsen daran. Auch wenn es ISO, DIN, Verordnungen und Versicherungen gut mit uns und unseren Kindern meinen, ist ein TÜV-geprüftes Aufwachsen nicht artgerecht. Solche Prozesse und Normierungen sind immer formelhaft und unflexibel. Augenmaßentscheidungen, common-sense, Pragmatismus sind nicht gleichbedeutend mit Unfall und Haftung wie Blicke nach Schweden, Holland, Großbritannien oder die Schweiz zeigen. Nur Mut.

 

WHITEPAPER Neue Arbeit und Ethische Führung

  

Alte Arbeit Arbeitsplatz Kindergarten

Neu Arbeit Arbeitsplatz Kindergarten

  • Hierarchisch
  • Starr, unflexibel
  • Zeitvergütung
  • hohe Belastung und Druck
  • wenig Zeit für pädagogische Vorbereitung, Teamsitzungen
  • häufig Burn-out, Krankentage
  • keine Mitsprache auf höheren Entscheidungsebenen 

 

  • Horizontal
  • Flexibel
  • Organisch
  • Qualitätsvergütung 
  • ausreichend Zeit für pädagogische Jahres-, Monats-, Wochenplanung
  • Entschlackung von Aufgaben
  • Resilienzförderung
  • Teamgeist
  • Supervision
  • Material
  • Offene, fröhliche Kultur
  • demokratische Teilhabe

 

 

Micro-Change - einfach klein anfangenmarkus-spiske-193031-unsplash

Viele Stellschrauben für Neue Arbeit im Kindergarten sind politischer und bürokratischer Art. Aber deswegen resigniert auf die Kindergartenkrise, den Erzieher*innenmangel, usw. verweisen ist eindeutig falsch. Als Eltern wünschen wir uns zufriedene Erzieher*innen die sich für ihre Arbeit, für die ihnen anvertrauten Kinder begeistern, die Spaß bei der Arbeit haben. Wir wünschen uns Einrichtungen in dem eine gute, eine offene, eine menschliche Beziehung im Team herrscht. Das sollte Aufruf und Ansporn sein für alle Eltern - gerade für den Elternbeirat - in ihrem Kindergarten nachzufragen und Veränderungen zusammen mit dem Team anzugehen. So lassen sich vor Ort Bündnisse schmieden die Maßnahmen planen und umsetzen. Auch kleinste Veränderungen können zu einem nachhaltigen Wandel beitragen. Improwe kann Kindergarten-Teams und Kindergarten-Trägern auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise bei solchen Veränderungen unterstützen.

 

New Work Consulting

 

In Richtung Neue Kindergärten

Kindergärten sind keine Arbeitsplätze wie andere. Die Arbeit ist mit kleinen Menschen die hier lernen, wachsen und Lebenserfahrungen sammeln. Der Kindergarten, ähnlich wie Schule, hat somit prägende Auswirkung auf seine Gesellschaft, auf seine Kultur. Deshalb verwundert es nicht warum auch Fridhjof Bergmann, Geburtshelfer und Impulsgeber der Neuen Arbeit, auch Neue Kindergärten und Neue Schulen fordert. Weil hier der Grundstein gelegt wird für Neue Arbeit. Für ein selbstbestimmtes, freies, fröhliches und lebendiges Leben. Welche kleinen Schritte im Kindergarten möglich sind diesem Ideal auch in der pädagogischen Arbeit näher zu kommen ist Thema des nächsten Blogs. Denn Neue Kindergärten meint beides gleichermaßen: Arbeitsplatz und Pädagogik.

 

Zum letzten Artikel: Kindergarten in der Krise

 

Kategorien: wertewandel, neue Arbeit, Bildung, Beruf und Familie