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Kindergartenkrise und Neue Arbeit als Rettungspaket

Geschrieben von Lucas Neher am 06. Juli 2018

Der Kindergarten in der Krise

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich die Gedankenwelt Frithjof Bergmanns, dem Wortschöpfer und philosophischem Ideengeber der Neuen Arbeit kurz zusammengefasst (hier gehts zum Blogartikel). Eine seiner Botschaften hallt seitdem in mir nach. Wir brauchen, so Bergmann, für eine Neue Arbeit auch Neue Schulen, Neue Kindergärten. (Wir müssen unsere Kinder positiv unterstützen, sie stark machen. Recht hat er!)  Ja, war mein erster Impuls, das ist sehr richtig. Aber schon nach kurzer Überlegung wird diese intuitive Wahrheit enorm komplex. Was soll das sein "Neue Kindergärten"? Die Prinzipien der Neuen Arbeit angewandt im Kindergarten? Wie ließe sich Neue Arbeit in Kindergärten umsetzen? Geht das überhaupt? Diesen Fragen werde ich im nächsten Blogartikel nachgehen. Hier muss ich feststellen: Wir haben eine Bildungskrise! Wir haben eine Kindergartenkrise!

Als Vater habe ich mit Kindergärten mittlerweile etwas Erfahrung gesammelt. Über die Jahre habe ich so fünf Kindergärten aus der Elternperspektive erlebt, drei städtische, zwei Elterninitiativen. Meine Gedanken hierzu sind also stark von meiner eigenen Erfahrung als Vater in diesen Einrichtungen geprägt. Bevor es losgeht muss ich drei Feststellungen vorausschicken:


  1. Wenn ich von Kindergarten schreibe, meine ich Einrichtungen der Kindertagespflege für 3-6/7 jährige Kinder. Bei Einrichtungen für Kinder von 0-3 Jahren spreche ich von Krippen. Horte sind Einrichtungen für schulpflichtige Kinder in der sie nach dem Regelunterricht betreut werden.

 

  1. Durch den Föderalismus in Deutschland herrscht ein sehr uneinheitliches Bild vor. In jedem der 16 Bundesländern ist die Kinderbetreuung anders geregelt, finanziert und strukturiert. Da ich hier großteils auf meine eigenen Erfahrungen aufbaue, gehe ich von den mir bekannten (bayerischen) Verhältnissen aus. 

 

  1. Selbst innerhalb eines Bundeslandes kommt es zu großen Unterschieden. Zum einen ist die Personalsituation auf dem Land i.d.R. besser als in der Stadt, es kommt also stark auf die Region an. Zum anderen gibt es große Unterschiede in der Betreuung und Arbeitsorganisation zwischen den Trägern. Hier ist der Gegensatz zwischen Elterninitiativen (Trägervereine) und allen anderen Trägern (kommunale, konfessionelle und sonstigen privaten Träger) am markantesten. In Elterninitiativen sind Eltern in alle Bereiche und Entscheidungen des Kindergartens (mittelbar) eingebunden. Alle Eltern sind Mitglied im Trägerverein und stellen den Vereinsvorstand, Eltern übernehmen darüberhinaus Dienste im Kindergarten, als ‚Hausmeister’, sind für die Internetseite zuständig, oder übernehmen Verantwortung für den Garten, u.v.m. 


 

Kindergartenkrise - Wo hakt´s?

Hat man ein Kind in München oder im Münchner Großraum im Kindergarten, muss man nicht groß Studien bemühen um das Offentsichtliche zu sehen: Es herrscht Fachkräftemangel in den Kindergärten, die Qualität ist nicht rosig, „frühkindliche Bildung“ ist ein hehres Schlagwort, die Erzieher*innen leiden. Aber der Reihe nach. Da wäre zum einen der große Mangel an pädagogischem Fachpersonal – gerade im Großraum München. Hauptgrund ist der enorme Ausbau an Betreuungsplätz in Krippen, Kindergärten und Horten der letzten Jahre. Gerade in München, aber auch in vielen anderen Städten, wurden die zuständigen Stellen von der enormen Nachfrage nach Krippen- (für Kinder unter 3 Jahren) und Hortplätzen in den letzten 10 Jahren kalt erwischt. Zuerst zögerlich, dann immer hektischer wurde der Ausbau dieser Einrichtungsplätze vorangetrieben, da die Kommunen befürchten mussten wegen dem 2013 bundesweit eingeführten Rechtsanspruches auf einen Krippenplatz reihenweise verklagt zu werden. Dieser massive, quantitative Ausbau von Betreuungsplätzen führte zu großen Fachkräfteengpässen auf dem Arbeitsmarkt, der in einigen Regionen Bayerns bis heute anhält. So ist die Personaldecke in den Münchner Kindergärten derartig dünn, dass dies sowohl zu Lasten der Betreuungsqualität als auch zu Lasten der Erzieher*innen und Kinderpfleger*innen geht. Allseits wächst darüber der Unmut.

Eine Verbesserung der Situation scheint indes trotz ungewöhnlicher Maßnahmen nicht absehbar. Die Situation scheint weder im Münchner Umland besser zu sein, noch in anderen Großstädten.

 

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Abbildung 1: Gründe für die Kindergartenkrise

 

Warum noch Erzieher*in werden?

Der rasante Ausbau von Kindergarten-, Krippen- und Hortplätzen ist sicher einer der Hauptgründe für den Erziehermangel. Allerdings darf auch nicht unterschlagen werden dass der Beruf der Erzieher*in deutlich in einer Krise steckt. Ein buntes Potpourri an Gründen lässt sich dafür anführen. Ich habe einige der Gründe dafür Stichwortartig in das nächste Schema gepackt. Meine Erfahrung ist die, dass die Bezahlung zwar von den meisten Erzieher*innen als nicht angemessen erachtet wird, gerade im Vergleich mit verbeamteten Grundschullehrer*innen. Aber jahrelanger Personalmangel, unzufriedene Eltern, und der eigene Anspruch an gute pädagogische Arbeit führt zu viel Frust. Was wiederum zu Burn-out, Stundenreduzierung von Vollzeit auf Teilzeit, Arbeitgeberwechsel oder gar zur beruflichen Umorientierung führen kann. Damit fehlen dann noch mehr Erzieher*innen und der Teufelskreislauf ist geschlossen. Eine aktuelle Studie berechnet eine Personallücke von 309.000 Personen bis zum Jahr 2025. Dabei sind die zu erwartenden Nachwuchsfachkräfte bereits gegengerechnet (Bildungsbericht 2018, S. 81).  

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Betreuung! Erziehung! Und Bildung?

Hier kratzen wir dann auch ein weiteres Thema an. Schon seit den Anfängen der ersten öffentlichen „Kinderverwahranstalten“ zu beginn des 19. Jahrhunderts gab es Versuche eine an Bildung orientierten Frühpädagogik umzusetzen. Historisch ist der deutsche Kindergarten eine Einrichtung zur Aufbewahrung von Kindern während beide Eltern arbeiten gehen, „Kinderverwahranstalt“ eben. Somit lag das Hauptaugenmerk auf Kinderbetreuung und -erziehung. Das spiegelt sich u.a. darin, dass Kindergärten und Kindergrippen i.d.R. bis heute nicht den Kultusministerien der Länder untergeordnet, sondern Gegenstand der Sozialministerien sind. Dass Kindergärten auch Orte des Lernen sind und Bildung bereits vor der Einschulung und auch außerhalb von Schulen stattfindet, hat sich erst in den letzten beiden Jahrzehnten flächendeckend durchgesetzt. Dabei ist mein Eindruck, dass an den grundlegenden Strukturen des Kindergartens als Betreuungseinrichtung – also dem Ausbildungssystem, dem Betreuungsschlüssel, dem Tarifsystem, den ministeriellen Zuständigkeiten – so gut wie nichts geändert hat. Bildung wurde als drittes Ziel, neben Betreuung und Erziehung,  einfach noch darauf gepackt. 


Lösungsansätze

Dass in einem an natürlichen Rohstoffen armen Land wie Deutschland, die Bildung und Ausbildung seiner Bürger*innen die größte Ressource ist, ist ein alter Hut. In Zeiten der sogenannten „Migrationskrise“ erscheinen Schlagworte wie Life Long Learning, Lissabon- Strategie oder Wissensgesellschaft wie aus der Zeit gefallen. An politischen Versprechen mangelt es nicht, mehr in Bildung zu investieren. 30 Milliarden Euro, so berechnet eine Studie der OECD, gibt Deutschland zu wenig für Bildung aus – pro Jahr. Deshalb lässt sich grundsätzlich sagen, von mehr Bildungsausgaben könnten auch die Kindergärten profitieren. Für mich scheint gerade die Behebung des krassen Personalmangels der beste Hebel zu sein, die Qualität zu verbessern, dem Bildungsauftrag gerecht zu werden und dabei auch den Betreuungsplatzausbau in Krippen, Kindergärten, Horten und Ganztagsschule stemmen zu können.

 

Daher heißen die Aufgaben: 

  • den Beruf der Erzieher*in attraktiver machen (wirkt mittel-langfristig)
  • Fachpersonal aus anderen Ländern anwerben (Wirkung kurz-mittelfristig)
  • Hürden die einen Quereinstieg behindern, beseitigen (wirkt kurz- mittelfristig)
  • Konkrete, schnelle Schritte um heutigen Erzieher*innen ihren Arbeitsplatz so angenehm wie möglich zu machen, Wiedereinstieg nach Mutterschaft zu vergrößern, Aufstockungen von Teilzeit auf Vollzeit zu begünstigen, Krankheitsausfälle und berufliche Umorientierung wegen Überlastung und Frust zu vermeiden, Abwanderungen in andere Berufe zu umgehen (wirkt unmittelbar)

 

Basis-Seminar Gewaltfreie Kommunikation

 

Fazit

Die ersten drei Aufgaben betreffen hauptsächlich Politik und Verwaltung auf Bundes-, Landes-, und Kommunalebene. Die Erfahrung lehrt, dass selbst bei erkannten Problemen viel Zeit zwischen ministerieller Planung und Implementierung vergehen kann. Die Umsetzung der letzten Aufgabe jedoch ist schon auf unterster Ebene, in den Kindergärten und Teams, möglich. Supervision, Coachings, Resilienzstärkung, Teambuilding-Maßnahmen, Fortbildungen in z.B. Ethischer Führung oder Gewaltfreier Kommunikation sind kleine Interventionen die den Arbeitsalltag unserer Erzieher*innen direkt und unmittelbar verbessern können. Was aber kann jeder Einzelne tun? Den Erzieher*innen mit Hochachtung und Demut begegnen! Denn sie können für die Kindergartenkrise am allerwenigsten und leiden am meisten darunter!

 

 

 

 

Downloads zum Thema:

4 Schritte der Kommunikation

WHITEPAPER Neue Arbeit und Ethische Führung 

 

 

Kategorien: Management, neue Arbeit, wertewandel