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Der Matthäus-Effekt und die Chance auf gerechte Anerkennung

Geschrieben von Kai Bergmann am 22. Oktober 2016

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,,Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.” (Matthäus, 25:29)


Der Hintergrund

Damit hat der Evangelist Matthäus sicherlich nicht gerechnet… Knapp 1900 Jahre nach der Verfassung seines Evangeliums bedient sich der Soziologie Robert K. Merton an diesem Gleichnis und formiert es in eine der bedeutendsten Theorien, beziehungsweise Beobachtungen nicht nur der Soziologie, sondern auch der Erwachsenen- und Weiterbildung sowie der Psychologie um.

Tatsächlich hat die soziologische These relativ wenig mit dem ursprünglichen biblischen Gleichnis und ihrer Interpretation zu tun. Gestatte mir hierzu einen kleinen Ausflug:

,,Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ erzählt die Geschichte von einem Mann, der (bevor er auf Reisen geht) seinen drei Dienern (oder Knechten) unterschiedlich viele Talente überlässt. Dem Tüchtigsten gab er 10, woraufhin er diese verdoppelte. Einem Zweiten gab er 5, woraufhin dieser sie ebenfalls verdoppelte. Der letzte bekam 1 Talent, verdoppelte diese aber nicht. Als der Herr wiederkam, gaben alle Diener die erwirtschafteten Talente zurück. Auf alle war der Herr stolz. Nicht aber auf den letzten Diener, den er sogar verachtete.

Befasst man sich exegetisch mit diesem Paragraph, so könnte man den Herrn als Jesus Christus und die Knechte als Gläubige interpretieren, denen verschiedene Talente überlassen werden. Diese Talente scheinen sie dazu zu verpflichten,  um des Herren Willen treu, wirtschaftlich und vorsorglich damit umzugehen - Frei nach dem Motto: Eigentum und Fähigkeit verpflichtet.

Was also hat Merton wohl dabei inspiriert, hierbei auf ein grundlegendes Theorem der Sozialforschung zu schließen? Jetzt ist es bei solchen (Sozial-)Wissenschaftlern ja immer so, dass deren Thesen und Ideen zumeist immer in einen Gesamtkontext eingebunden und/oder mit anderen Theorien verknüpft sind. Ohne jetzt also die gesamte Vita des Star-Soziologen darzulegen lässt sich sagen, dass der Matthäus-Effekt hierbei ein besonderes Konstrukt seiner Theorie der ,,Self-Fulfilling Prophecy“ symbolisiert und erstmals 1968 veröffentlicht wurde. Die Gedanken dazu kamen ihm, nachdem er durch Gespräche mit Nobelpreisträgern die Tendenz wahrnahm, dass man Preise in der Wissenschaft eher denen zugesteht, die eher bekannt und renommiert sind, mehr oder weniger unabhängig von der Leistung, die ausgezeichnet werden soll. Des Weiteren würde man die besonders guten Inhalte von kooperativ entstandenen Büchern jeweils dem bekannteren/erfolgreicheren Autor zuordnen1. Es herrsche also eine Tendenz, aus Gewohnheit den Personen mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zuzugestehen, die auch schon einmal Herausragendes geleistet haben. 

Eigentlich doch völlig logisch oder? Wo ist das Problem? Oder ist das alles eher...

 ...viel Lärm um nichts?

...oder doch eher: wenig Lärm um viel?

 

Stellen wir die Wissenschaft mal beiseite und widmen uns praxisrelevanteren (alle Wissenschaftler mögen mir vezeihen) Themenbereichen. Denn auch in wirtschaftlichen und alltäglichen Kontexten lässt sich dieser Effekt durchaus beobachten. Natürlich besitzt er positive sowie negative Aspekte. Es hängt eben alles von der Perspektive ab. Jedoch ist er definitiv überall da bedeutsam, ,,wo denjenigen gegeben wird, die bereits haben, weil sie bereits haben; und wo denjenigen genommen wird, die nicht haben, eben aus dem einschlägigen Grund, dass sie nicht haben.“Und dann wird's zum Problem...

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Nun, hast du dich vielleicht schon einmal gefragt…

...warum die Reichen immer noch reicher werden und die Armen noch ärmer?

...warum ein guter Freund, nachdem er einmal Glück gehabt hatte, wie vom Glück verfolgt zu sein scheint?

oder

…warum bei Gruppenprojekten manchmal davon ausgegangen wird, die präsentierende Person sorgte auch für die inhaltliche Qualität?

…warum neue Projekte oftmals an die Personen vergeben werden, die sowieso schon mal (erfolgreich) Projekte geleitet haben?

…warum in Meetings der Input von denjenigen mehr geschätzt wurde, die schon einmal etwas Sinnvolles geleistet haben, obwohl es diesmal totaler Kokolores gewesen war?

Beispiele solcher Art lassen sich viele benennen. Und natürlich spielen hier auch noch viele weitere psychologische und gesellschaftliche Mechanismen, wie beispielweise die Intro- und Extrovertiertheit von Personen, eine große Rolle. Nichtsdestotrotz müssen sie zwar nicht, doch können solche Erfahrungen mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Matthäus-Effekt zurück geführt werden. 

Wozu erzähl' ich nun das Ganze?

Nun, aus drei ganz einfachen Gründen:

1. Bist du jetzt in der unglaublichen Lage, deinen Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden mit mehr oder weniger rudimentärem Fachwissen über eine soziologisch-gesellschaftliche These zu berichten und (hoffentlich) eine Menge Bewunderung und Anerkennung zu kassieren ;). Wer weiß, vielleicht prädestiniert dich das ja dann für weitere schlaue Anekdoten. #Matthäus-Effekt

2. Leiten sich aus den Anwendungsgebieten des Matthäus-Effekts mehrere - ich nenne es mal -  Empfehlungen für die Mitarbeiterführung und vor allem die Mitarbeiterzufriedenheit ab, die besonders unsere Leser aus dem Management interessieren könnten. 

3. Kann natürlich auch der einzelne Mitarbeiter von dem Wissen über den Matthäus-Effekt profitieren und das Verhalten anpassen.

Falls wir dein Interesse geweckt haben, klicke einfach auf einen der Gründe, um mehr Informationen zu erhalten oder kontaktiere uns gerne auch persönlich.

 

Let´s improwe together!

 

Literatur zum Nachlesen und Vertiefen:

1Mackert, Jürgen; Steinbicker, Jochen (2013): ,,Zur Aktualität von Robert K. Merton". In Springer VS.

2ebd. S. 35

 

Kategorien: Wahrnehmung, Führungskompetenz, Chancengleichheit, Anerkennung